OPLAN - Grünbuch ZMZ 4.0 - KRITIS - Schleswig-Holstein- Natodrehscheibe
Zusammenfassung: 🔵 Sicherheit ist kein Zustand mehr – sie ist Bewegung.
Wenn Energie, Daten, Material und Menschen ins Schwingen kommen, zeigt sich, ob ein Land wirklich funktionsfähig ist.
Deutschland braucht ein neues Lagebild:
vom Schutzobjekt zum Strukturraum –
ein Netzwerk aus emergent critical nodes, das in Frieden, Krise und Krieg steuerungsfähig bleibt.
Im Think Tank des BSKI arbeite ich an diesem Konzept:
Wie sich KRITIS, Dual-Use und zivile Verteidigung zu einem echten Resilienzsystem verbinden lassen.
Nicht mehr nur „schützen“.
Sondern führen, wenn alles gleichzeitig passiert.
#BSKI #StrukturraumDeutschland #KRITIS #Resilienz #Innovation #Sicherheit
1. Einleitung: Ein Land als System
Deutschland wird sicherheitspolitisch noch immer als Schutzobjekt gedacht: ein Raum, der verteidigt, nicht einer, der operativ vernetzt werden muss. Doch die sicherheitspolitische Lage – von der Energiekrise über Lieferketten bis zur digitalen Verwundbarkeit – erzwingt eine neue Kategorie: den Strukturraum Deutschland. Ein Konzept, das das Land als dynamisches System aus Lebensadern versteht, die in Frieden, Krise und Krieg und allen Zuständen dazwischen unterschiedlich belastet, umgelenkt oder reorganisiert werden müssen.
2. Der Strukturraum: Lebensadern statt Sektoren
Der Strukturraum ist kein Territorium, sondern ein Netz aus Infrastrukturen, Prozessen und Steuerungsebenen. Seine Lebensadern sind:
- Energie & Versorgung: Strom, Gas, Treibstoff, Wasser, Abwärme – inklusive Notnetze und mobile Redundanzen.
- Logistik & Materialfluss: Straße, Schiene, See, Luft, Pipeline – Transport in Frieden, Krisen und militärischen Szenarien.
- Kommunikation & Daten: IT, Funk, Satellit, Cyber, KI, Steuerungssysteme – die Schaltfläche der Operationsfähigkeit.
- Gesundheit & Mensch: Krankenhausketten, Notfallversorgung, SanSys (Role 1–5), Bevölkerungsschutz.
- Wissenschaft & Innovation: Forschung, Hochschulen, Dual-Use-Technologien, Technologietransfer.
- Politik & Verwaltung: Kommunale und Landessteuerung, Krisenstäbe, Genehmigungssysteme, Normen.
Diese Adern sind verzahnt. Energie treibt Kommunikation, Kommunikation steuert Logistik, Logistik versorgt Gesundheit. In einigen Punkten ist dann eine Verdichtung zu beobachten: die “emergent critical nodes” wie zum Beispiel Häfen oder Krankenhäuser. Das Denken in statischen Sektoren – KRITIS, Katastrophenschutz, Militär – reicht nicht mehr. Es braucht eine operative Kartografie, die diese Adern sichtbar und steuerbar macht.
3. Der Operationsraum: Dynamik von Frieden, Krise, Krieg
In Friedenszeiten verläuft die Energie dieser Lebensadern unauffällig. In Krisen verschiebt sich der Fluss, Prioritäten ändern sich: Energie für Krankenhäuser statt Industrie, Datenleitungen für Lagezentren statt Unterhaltung. Im Kriegsfall muss das System adaptiv werden – mit zivil-militärischer Koordination, mobilen Redundanzen und autonomen Teilnetzen, die den Betrieb sichern, wenn zentrale Systeme ausfallen.
Der Strukturraum ist damit kein Zielobjekt, sondern eine Operationsplattform. Sein Wert liegt in der Fähigkeit, Belastung auszuhalten, Informationen zu verarbeiten und Ressourcen gezielt zu verschieben.
4. Die Leerstelle der KRITIS-Logik
Das aktuelle KRITIS-Verständnis zementiert eine falsche Statik. Es definiert Schutzobjekte, keine Funktionszusammenhänge. Doch Angriffe – ob Cyber, Energie, Desinformation oder physisch – treffen selten einzelne Sektoren, sondern Knotenpunkte zwischen ihnen: Rechenzentren an Bahnlinien, Tanklager neben Krankenhäusern, Kommunikationsrouten durch Energiecluster.
Störung ist nie linear. Das System reagiert in Wellen, nicht in Spalten. Deshalb braucht Deutschland eine Denkweise, die über das Verteidigen hinausgeht: das Management der Interdependenz.
5. Vom Schutz zur Steuerung: Dual-Use als Prozess
Dual-Use wird oft als technischer Kompromiss missverstanden – zivile Nutzung mit militärischem Nebenwert. Tatsächlich ist es eine Prozessarchitektur: Technologien, Standards, Logistik und Menschen, die in unterschiedlichen Lagen nahtlos ineinandergreifen. Vom Hafenkran über Sensorik bis zur KI-Auswertung.
Ziel ist nicht die Militarisierung, sondern die Erhöhung der Resilienz durch operative Anschlussfähigkeit. Die Bundeswehr kann nicht ohne zivilen Rückhalt operieren; zivile Systeme nicht ohne militärische Integration widerstandsfähig bleiben.
6. Layer statt Linien: Struktur als adaptive Matrix
Der Strukturraum lässt sich als Schichtenmodell beschreiben:
- Geolayer: Wetter, Topografie, Verkehrswege, See- und Lufträume.
- Infrastruktur-Layer: Energie, Kommunikation, Transport, SanSys.
- Prozess-Layer: Versorgung, Wartung, Reparatur, Transportflüsse.
- Informations-Layer: Daten, Sensorik, KI, Entscheidungslogik.
- Governance-Layer: Bund, Länder, Kommunen, NATO, EU.
Diese Schichten bilden eine Resilienzmatrix – sie erlaubt Priorisierung, Redundanzplanung und Echtzeitsteuerung. In Kombination mit Szenarien (z. B. Ausfall, Angriff, Kaskade) entsteht ein handlungsfähiges Lagebild.
7. Deutschland als Testfeld für vernetzte Sicherheit
Der Strukturraum ist kein theoretisches Modell, sondern ein Arbeitsinstrument. Schleswig-Holstein bietet durch Lage, Infrastruktur und maritime Wirtschaft einen idealen Pilotraum: Energie, Hafen, Marine, Forschung und Kommunikation sind hier in einzigartiger Dichte verflochten.
Nötig ist nun ein strukturiertes Lagebild – eine Karte der Adern, Layer und Knotenpunkte. Darauf aufbauend können Unternehmen, Kommunen und Sicherheitsakteure ihre Dual-Use-Fähigkeit ausbauen: technisch, organisatorisch, kommunikativ.
8. Fazit: Struktur ist Sicherheit
Sicherheit entsteht nicht durch Mauern, sondern durch Struktur. Der Strukturraum Deutschland macht sichtbar, was unsere Verwundbarkeit und unsere Stärke zugleich ist: die Dichte und Vernetzung unseres Systems.
Wer die Adern kennt, kann sie schützen. Wer sie steuern kann, bleibt handlungsfähig.