im Rahme des BSKI Think Tank – Stellungnahme zum Berliner Stromausfall: “Resilienz ist ein Systemdesign, kein Improvisationstalent”
Von Miriam Schnürer
Der aktuelle Stromausfall im Südwesten Berlins ist kein “Betriebsunfall”, sondern ein Lehrbuchfall für Strukturraum-Resilienz: Seit Samstagmorgen sind laut Stromnetz Berlin rund 45.400 Haushalte und 2.200 Betriebe in Ortsteilen wie Nikolassee, Zehlendorf, Wannsee, Lichterfelde betroffen. Ursache ist der Brand an einer Kabelbrücke über den Teltowkanal; die Polizei ermittelt wegen Brandstiftung, ein Bekennerschreiben wird geprüft. Die Reparatur kann sich laut Berichten bis Donnerstag ziehen. t-online+2Tagesspiegel+2
Und ja: Das erinnert nicht zufällig an September 2025, als ein Brandanschlag in Berlin-Johannisthal/Treptow-Köpenick zehntausende Haushalte tagelang ohne Strom ließ. Stromnetz Berlin+1
Das Muster ist klar: Knotenpunkte werden zum Ziel. Nicht “Sektoren”.
Warum das strukturell relevant ist (Bezug zu meinenStrukturraumartikeln)
Im Strukturraum kippt Strom nicht nur Licht. Er kippt Wärme, Mobilität, Kommunikation, Sicherheit, Gesundheit – in einer Stadt oft innerhalb weniger Stunden. Genau das ist die Coupled-System-Logik aus dem Structure-Space Model:
- Layer 2 (Infra) wird physisch getroffen (Kabeltrasse/Knoten).
- Layer 3 (Control & Logic) fällt mit (Netzsteuerung, Telekom, Aufzüge, Pumpen, Ampeln, Gebäudeautomation).
- Layer 5 (Process) kollabiert (Versorgung, Pflege, Logistik).
Die Frage ist nicht “ob geschützt”, sondern: Wie schnell kann das System in einen kontrollierten Degradationsmodus wechseln – ohne Kontrollverlust.
Kurz: Sicherheit ist Bewegung. Und Bewegung ist Technik + Governance + Übung. Nicht Appelle.
Ein Zukunftsmodell für urbane Resilienz: “Resilience Fabric” statt Kerzenromantik
Was wir gerade sehen, ist das alte Muster: Oh, blöd – wir sind zehn Jahre zurück – wir improvisieren Wärmehallen. Das ist zu spät und zu analog für ein gekoppeltes System.
Eine resiliente Stadt braucht ein technisches Resilienz-Backbone, das im Blackout automatisch anspringt – so wie Airbags. Das Backbone besteht aus drei Dingen: Energie-Autarkie, Kommunikations-Autarkie, Steuerungs-Autarkie.
1) Energie: Quartiers-Inseln + Knoten-Kits (statt “alles hängt am Netz”)
- Microgrids auf Quartiersebene (Schulen/Sporthallen/Rathäuser als Insel-Kerne): PV + Batterie + optional Generator, mit klarer Priorisierung (Wärme, Licht, Notruf, Laden, Medizingeräte).
- Knoten-Kits für “emergent critical nodes”: Pflegeheime, Wasser-/Abwasserpumpen, Mobilfunkstandorte, kritische Ampelkreuze, Nahverkehrsknoten. Kit = Batterie/USV + Blackstart + standardisierte Anschlüsse + Betriebsplaybook.
- V2G/V2B als Reserve: Flotten (BVG, Müllabfuhr, Lieferdienste) als mobile Batteriespeicher – nicht irgendwann, sondern als eingeübtes Konzept.
Das ist keine Sci-Fi. Das ist nur konsequente Architektur: Energie-Inseln als Infrastruktur-Layer-Redundanz.
2) Information im Blackout: Werbetafeln werden Lagebild-Interfaces
Dein Beispiel ist exakt richtig: Stadtmöblierung muss “dual use” werden.
Blackout-unabhängige Informationstafeln (die im Normalbetrieb Werbung zeigen) als Standard:
- E-Ink / Ultra-Low-Power Displays (Lesbarkeit bei Tageslicht, Wochenlaufzeit auf Batterie) für Text: “Was ist passiert, wo ist Hilfe, was gilt jetzt”.
- Eigene Energie: kleine PV + Batterie im Gehäuse, zusätzlich “Handkurbel/Power-Port” an ausgewählten Punkten.
- Robuste Distribution: Inhalte über LoRaWAN / Mesh (z.B. Gateways an Feuerwehr/Polizei/Bezirksämtern) + Fallback über Satellit an wenigen Hubs.
- Offline-Interaktion: QR/NFC an Tafeln für lokale Informationen, die auf Edge-Caches liegen (nicht Internet-abhängig).
Das ist die Brücke aus deinen Artikeln: Data Layer bleibt persistent (in Mini-Caches), Control & Logic kann ausfallen und trotzdem bleibt Kommunikation handlungsfähig.
3) Kommunikation: Nicht “Internet”, sondern Multi-Path-Notfallkommunikation
Wenn Mobilfunk/Telefonie schwächelt, braucht es einen redundanten Kommunikationsmix:
- Cell Broadcast (wenn Netz da),
- lokaler Notfunk / behördliche Funkkopplung
- UKW/DRM-Notfallkanal mit stündlichen Lage-Slots,
- physische Notrufpunkte (Feuerwachen/Polizei + klar beschildert) – Berlin empfiehlt das im Ereignisfall bereits. DIE WELT+1
- öffentliche Ladepunkte an Resilienz-Hubs.
4) Control & Logic: “Safe Mode” + Wegwerf-Logik (Disposability)
Der Control-&-Logic-Layer ist im Krisenfall volatil. Genau deshalb braucht er:
- einen Crisis Safe Mode (deterministische Priorisierung, kein Optimierungs-KI-Zirkus),
- einen Kill-Switch für Automationen, die Kaskaden verstärken,
- und Recovery by Design: neu starten/ersetzen ohne Datenverlust.
5) Wärme, Hygiene, Vertikale Mobilität: die hässlichen Realitäten technisch lösen
- Aufzüge: definierter Notbetrieb (Batterie für Evakuierungsfahrten, nicht Dauerbetrieb), Priorisierung für Pflege/medizinische Fälle.
- Sanitär: mobile Toiletten-/Hygiene-Pods für Hotspots, plus Notstrom für Pumpen dort, wo Abwasser sonst kippt.
- Wärme: Wärmeinseln nicht nur “öffnen”, sondern vorverdrahtet (Energie, Kommunikation, medizinische Basismodule, Registratur minimal).
Das Entscheidende: Üben wie ein System, nicht wie eine Behörde
Resilienz ist messbar. Stadtweit braucht es harte KPIs:
- Time-to-Inform (TTI): erste stabile Info an die Bevölkerung in < 30 Minuten (Tafeln + Radio + Notrufpunkte).
- Time-to-Heat Hub (TTH): erste Wärmeinsel in < 2 Stunden, skalierbar.
- Time-to-Vulnerable Check (TVC): Pflege/Beatmung/Home-Care-Prioritäten in < 6 Stunden.
- Time-to-Island (TTI-E): definierte Quartiersinseln in < 12 Stunden stabil.
Wenn das nicht geübt wird, existiert es nicht.
BSKI-Position
Berlin zeigt, warum der Strukturraum real ist: Ein Angriff auf einen Infrastrukturknoten erzeugt Kaskaden, weil unsere Städte technisch auf “Normalbetrieb” optimiert sind – nicht auf kontrollierte Degradation. DIE WELT+1
Die Antwort ist nicht “mehr Appelle” und nicht “mehr Papier”. Die Antwort ist ein Resilience Fabric:
dual-use Stadtmöblierung (Info-Boards), Microgrids, Multi-Path-Kommunikation, Safe-Mode-Steuerung, vorautorisierte Playbooks, geübte Knotenpriorisierung.
Nicht irgendwann. Jetzt.